Die Kurzgeschichte ist eine Form der
erzählenden Kurzprosa. Das Wort wurde
gegen Ende des 19. Jahrhunderts als eine
Lehnübersetzung der amerikanischen
Gattungsbezeichnunge "short
story" geprägt. Die Kurzgeschichte
erreichte nach 1945 unter dem Einfluß
der amerikanischen short story eine
große Verbreitung im deutschen
Sprachraum. Aufgrund der Dominanz der
Novelle in der deutschen Kleinepik
setzte sich die Kurzgeschichte in
Deutschland viel später durch als in
anderen Ländern (USA: E.A. Poe;
England: K. Mansfield; Frankreich: G. de
Maupassant; Rußland: A. Cechov). Zu den
amerikanischen Schriftstellern, die in
den 1920er Jahren fur eine frühe
Blütezeit der Kurzgeschichte sorgten,
zählen beispielsweise Ernest Hemingway,
Dashiell Hammett oder William Faulkner.
Im
folgenden wird auf die deutschsprachige
Kurzgeschichte unter folgenden Aspekten
näher eingegangen:
1)
Geschichte/Entstehungsbedingungen
2)
Themen
3)
Formale Eigenschaften
1)
Geschichte/Entstehungsbedingungen
Die
Geschichte der deutschsprachigen
Kurzgeschichte ist sehr jung und beginnt
erst mit dem Ende des 2. Weltkrieges.
Diese Geschichte hat mit der
literarischen Situation in Deutschland
nach dem Dritten Reich zu tun. Kurz
gesagt, bot sich mit der Kurzgeschichte
eine Gattung an, die 'unbelastet' war,
die ideologisch noch nicht mißbraucht
war. Man suchte nach einem literarischen
Neuansatz, und diese Suche war verbunden
mit der Suche nach neuen literarischen
Formen. Man wollte sich von der
Vorkriegs- und Kriegsliteratur
distanzieren und wandte sich
insbesondere gegen die pathetische,
nationalsozialistische Dichtung.
Die
Kurzgeschichte bot sich an, eine neue,
unbelastete Sprache zu finden und
ubernahm damit eine Pionierfunktion. Sie
war eine Gattung, die den Forderungen
nach dem literarischen
"Kahlschlag" am ehesten
nachkam ('Kahlschlag' bezeichnet eine
Waldfläche, auf der alle Bäume gefallt
worden sind bzw. das Schlagen/Fallen von
Bäumen in einem Wald; im vorliegenden,
literaturhistorischen Zusammenhang
bedeutet 'Kahlschlag' den radikalen
Neuanfang; das bedeutet natürlich auch,
daß man sich mit der Vergangenheit
nicht mehr auseinandersetzen muß.
Alfred Andersch sprach, um die Situation
der Literatur nach 1945 zu kennzeichnen,
von der "Stunde Null"). Ein
frühes Zeugnis fur diese Position ist
Wolfgang Weyrauchs (1907-1980)
Feststellung in seiner berühmten
Anthologie "Tausend Gramm. Sammlung
neuer deutscher Geschichten" :
"Die
Männer des Kahlschlags [...] wissen,
oder [...] ahnen es doch mindestens,
daß dem neuen Anfang der Prosa in
unserem Land allein die Methode und die
Intention des Pioniers angemessen sind.
Die Methode der Bestandsaufnahme. Die
Intention der Wahrheit. Beides um
den Preis der Poesie. Wo der Anfang der
Existenz ist, ist auch der Anfang der
Literatur." (Wolfgang Weyrauch:
Tausend Gramm. Sammlung neuer deutscher
Geschichten. Hamburg 1949, S. 194-219,
hier: S. 217.)
Weyrauch
behauptet aber nicht allein, daß die
Gattung Kurzgeschichte diejenige Gattung
ist, die in der damaligen historischen
Konstellation der Situation der
Literatur und der Autoren am ehesten
entsprach. Er insistiert auch auf einer
Erkenntnisfunktion
("Wahrheit"!) der Literatur
und unterscheidet verschiedene
Kategorien Schriftsteller:
"Die
einen schreiben das, was nicht sein
sollte. Die anderen schreiben das, was
nicht ist. Die dritten schreiben das,
was ist. Die vierten schreiben das, was
sein sollte. Die Schriftsteller des
Kahlschlags gehören zur dritten
Kategorie." (Ebd.)
Wichtig für die Verbreitung der
Kurzgeschichte war die Gruppe 47, ihr
gehörten Schriftsteller an, die
bekannte Kurzgeschichtenautoren waren
(Heinrich Böll, Wolfdietrich Schnurre,
Alfred Andersch, Martin Walser - Die
Gruppe 47, 1947 von Hans Werner Richter
gegründet, war eine Gruppe von
Kritikern und Schriftstellern, die die
westdeutsche Literatur etwa 20 Jahre
lang beherrschte. Kritiker und
Schriftsteller trafen sich in
unregelmäßigen Abständen und lasen
auf Einladung Richters aus
unveröffentlichten Texten vor. Seit
1950 wurde der "Preis der Gruppe
47" verliehen, der einer der
renommiertesten Literaturpreise in der
BRD werden sollte. Preisträger und
-trägerinnen waren u. a. G. Eich, H.
Böll, I. Aichinger, I. Bachmann, M.
Walser, G. Grass, J. Bobrowski, J.
Becker) .
Ästhetisches
Programm dieser Gruppe:
Bestandsaufnahme, Verzicht auf
Poetisierung, schmucklos, präzise,
schlichte Beschreibung der aktuellen
Situation in einer realitischen,
zeitgemäßen Sprache.
2)
Themen
Die
Themen der Kurzgeschichte änderten sich
im Laufe der Zeit und waren einem
inhaltlichen Wandel unterworfen.
Charakterisierte
die Kriegsthematik die Kurzgeschichten
bis in die 50er Jahre (z. B.
Alltagsszenen aus kriegszerstörten
Städten), so fanden danach auch andere
aktuelle Themen Eingang: Arbeit, Politik
(Kulturpolitik, vgl. die Texte von
Hildesheimer und Fuchs!), Umwelt,
zwischenmenschliche Beziehungen.
Aber
auch die späteren Kurzgeschichten
zeichnet aus, daß sie einen engen Bezug
zur Zeitgeschichte herstellen. Sie sind
gegenwartsbezogen, gesellschaftlich
engagiert und treffen eine
moralisch-politische Aussage.
3) Formale Eigenschaften
Hans
Bender, ein wichtiger
Kurzgeschichtenautor der deutschen
Nachkriegsliteratur, nannte die
Kurzgeschichte einmal ein
"Chamäleon der literarischen
Gattung" (Hans Bender:
Ortsbestimmung der Kurzgeschichte. In:
Die amerikanische Kurzgeschichte. Hrsg.
von Hans Bungert, Darmstadt 1972,
S. 333-354, hier: S. 335) Es sieht so
aus, als entzöge sich die
Kurzgeschichte als Genre jeder
gattungsspezifischen Festlegung. Das
wollte H. Bender freilich nicht sagen,
seine Behauptung reflektiert vielmehr
den Sachverhalt, daß die Kurzgeschichte
historisch gesehen (im Unterschied zum
Roman, zum Drama, zur Lyrik) eine junge
literarische Gattung ist und daher eine
Gattungsdefinition schwerfällt. Je
jünger die Gattung, desto höher ist
der Legitimationsbedarf.
Der Begriff deutet an, daß Kürze eine
zentrale Eigenschaft der Gattung
ist.Kürze ist hier nicht quantitativ (=
geringer Umfang), sondern qualitativ zu
verstehen: Kürze meint sprachliche
Verdichtung, konzentrierte Gestaltung.
Verdichtende/intensivierende
Formmittel:
-
ausschnittsweise/fragmentarische
Darstellung eines Geschehens
-
Abruptheit des Erzählanfangs;
unvermittelter Erzähleinsatz
-
zeitliche Sprung-, Raffungs und
Oberlagerungstechniken
(Bobrowski:
"Der
Krieg war erst ein paar Tage alt";
Fuchs: Eosander [Barock]Zeitalter
der Raumflüge)
-
Figurenarsenal beschränkt sich auf 2-3
Personen
-
pointierte Dialogisierung; kurze, knappe
Dialoge
-
parataktischer Satzbau
-
Rätselcharakter des Titels
-
knapper, nüchterner Erzählstil
Der
Ausschnittcharakter der Kurzgeschichte -
es handelt sich oft um eine literarische
Momentaufnahme - kam einer Generation
entgegen, die nur über Schockerlebnisse
verfügte und die diese Erlebnisse nicht
in einen Zusammenhang bringen konnte.
Dieser Generation stellte sich die
Frage, wie erzählt werden soll bzw.
kann, was die Wahrnehmungs- und
Erfahrungsfähigkeit überschreitet. Die
Grundlagen des eigenen Schreibens wurden
in der Nachkriegszeit neu überdacht und
neu reflektiert. Beschrieben werden kann
nur, was der einzelne erlebt hat. Daher
wird in Kurzgeschichten nicht über ein
Geschehen reflektiert, es werden nicht
übergreifend Zusammenhänge
dargestellt.
Generell
gelten folgende Merkmale für die
Kurzgeschichte:
a) Die
Kurzgeschichte steht in ihrer
historischen Entwicklung in engem Bezug
zur deutschen Nachkriegsliteratur:
Wichtige Impulse enthielt sie von der
angelsächsischen "short
story" .
b) Die
Kurzgeschichte ist im Ansatz
realistisch, d. h. sie versucht, Stoffe
aus der Wirklichkeit zu nehmen und diese
Wirklichkeitserfahrung literarisch zu
gestalten ("Mäusefest"). Das
schließt aber nicht aus, daß nicht
auch Träume oder Phantasien, also
innere Dimensionen der Wirklichkeit, die
äußere sichtbare Dimension der
Wirklichkeit ergänzen können.
(Beispiel: Moises Gespräch mit dem
Mond.)
c) Die
Kurzgeschichte ist eine literarische
Form von höchstem künstlerischen
Anspruch. Da sie im Unterschied zu
anderen traditionellen epischen
Gattungen (Roman, Novelle, Erzählung)
Sachverhalte nicht ausführlich
darstellen kann, muß sie mit
Verknappung, Aussparung, äußerster
Konzentration arbeiten. Oft wird das
Wichtigste durch einzelne Wörter oder
Sätze gesagt bzw.
angedeutet.("Mäuse können
das."; "wird unsere Raumflüge
überdauern") Es handelt sich um
eine Technik der sprachlichen
Konzentration.
d) In
der Kurzgeschichte wird meist ein
bestimmter Zeitpunkt, ein bestimmter
Lebensausschnitt, eine bestimmte
Situation dargestellt. Die Gesamtheit
einer Lebensgeschichte oder
Lebenserfahrung (z. B. die Moises in
"Mäusefest"; das
Boulettenessen Eosanders in einer
Kneipe) ist auf einen entscheidenden
Augenblick komprimittiert. Eine
belanglose Geste, eine alltägliche
Situation, ein beiläufiges Zeichen
erschließen schlagartig die gesamte
Dimension der Wirklichkeit.
e) Was
die Struktur des Erzählens in der
Kurzgeschichte betrifft, so entspricht
der abrupte Erzähleinstieg nicht einem
abrupten Ende. Anfang und Ende sind
nicht gleichartig aufeinander
zugeordnet. Vielmehr ist die
Kurzgeschichte trotz ihres häufigen
unvermittelten Beginns so aufgebaut,
daß die Erzählbewegung sich auf einen
Kulminationspunkt, auf eine Pointe zu
bewegt. Mit diesem Kulminationspunkt
nimmt das Geschehen oft einen
unerwarteten Umschwung, durch den das im
Text mitgeteilte Geschehen einen neuen
Sinn erhält.
f)
Eine eindeutige Erzälperspektive
herrscht vor.
- Ich-Erzähler (Hildesheimer)
- ein allwissender Erzähler (Fuchs,
Bobrowski; bei Bobrowski allerdings
nicht
immer ganz klar, wer hier spricht:
der Erzähler oder Moise,
Erzählerrede
oder Figurenrede)
g) Die
Themen stammen aus der empirisch
möglichen Realität (im Unterschied zu
Fabel, Parabel, Legende, Märchen),
allerdings wird in allen drei von uns
gelesenen Texten auch ein Spiel mit
Fiktion und Wirklichkeit getrieben.
Heinrich
Böll brachte der Kurzgeschichte eine
große Hochachtung entgegen, seine
Einschätzung sei abschließend zitiert:
"Es
gibt nicht die Kurzgeschichte. Jede hat
ihre eigenen Gesetze [...]. Ich glaube,
daß sie im eigentlichen Sinn des Wortes
modern, das heißt gegenwärtig ist,
intensiv, straff. Sie duldet nicht die
geringste Nachlässigkeit, und sie
bleibt für mich die reizvollste
Prosaform, weil sie auch am wenigsten
schablonisierbar ist. Vielleicht auch,
weil mich das Problem 'Zeit' sehr
beschäftigt, und eine Kurzgeschichte
alle Elemente der Zeit enthält:
Ewigkeit, Augenblick, Jahrhundert. Es
ist ein ganz verhängnisvoller Irrtum,
wenn etwa ein Redakteur zu einem Autor
sagt: Schreiben Sie uns doch mal eine
Kurzgeschichte. Sie können das
doch...Es kann Jahre dauern,ehe ich mit
einer Kurzgeschichte zu Rande komme, das
heißt, ehe ich sie hinschreiben kann
[...]." (Zitiert nach Horst Bienek:
Werkstattgespräche mit Schriftstellern.
München 1968, S. 168-174, hier: S.
170.)
