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PERSONEN:Oskarokoschka
Mann, Frau, Chor: Männer und
Weiber.
Nachthimmel, Turm mit großer
roter eiserner Käfigtür.
Fackeln das einzige Licht,
schwarzer Boden, so zum Turm
aufsteigend, daß alle Figuren
reliefartig zu sehen sind.
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Der
Mann
Weißes Gesicht, blaugepanzert,
Stirntuch, das eine Wunde
bedeckt, mit der Schar der
Männer (wilde Köpfe, graue und
rote Kopftücher, weiße,
schwarze und braune Kleider,
Zeichen auf den Kleidern, nackte
Beine, hohe Fackelstangen, Schellen,
Getöse,
kriechen herauf mit
vorgestreckten Stangen und
Lichtern, versuchen müde und
unwillig den Abenteurer
zurückzuhalten, reißen sein
Pferd nieder, er geht vor, sie
lösen den Kreis um ihn,
während sie mit langsamer
Steigerung aufschreien.
Männer
Wir waren das flammende Rad
um ihn
Wir waren das flammende Rad um
dich, Bestürmer verschlossener
Festungen!
gehen
zögernd wieder als Kette nach,
er mit dem Fackelträger vor
sich, geht voran.
Männer
Führ' uns Blasser!
Während sie das Pferd
niederreißen wollen, steigen
Weiber mit der Führerin die
linke Stiege
herauf
Frau
rote
Kleider, offene gelbe Haare,
groß
Frau
laut
Mit
meinem Atem erflackert die
blonde Scheibe der Sonne, mein
Auge sammelt der Männer.
Frohlocken,
ihre stammelnde Lust kriecht wie
eine Bestie um mich.
Weiber
lösen sich von ihr los, sehen
jetzt erst den Fremden
Erstes
Weib lüstern
Sein Atem saugt sich
grüßend der Jungfrau an!
Erster
Mann darauf
zu den anderen
Unser
Herr lähmt wie der Mond, der im
Osten aufgeht.
Zweites
Mädchen still abgekehrt,
irrsinnig
Wann wird mit Wonne
sie empfangen.
Der
Chor geht horchend, in
aufgelösten Gruppen auf der
ganzen Bühne umher, der Mann
und die Frau begegnen sich vor
dem Tore.
Pause. |
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Frau
sieht ihn, gebannt,
dann zu
sich
Wer
war der Fremde, der mich sah?
Mädchen
drängen
sich vor
Erstes
Mädchen erkennt
ihn, schreit
Seine
Schwester erstach
sich, weil er sie nicht
berührte!
Zweites Mädchen
Singende Zeit, niegesehene
Blumen.
Der
Mann erstaunt,
Zug der Lebenden hält an
Bin
ich ein Wirklicher, was sprach
der Schatten! Das Gesicht
hebend, zu ihr: Sahst Du
mich an, sah ich Dich?
Frau
fürchtend
und verlangend
Wer
ist der bleiche Mann, haltet ihn
zurück.
Erstes
Mädchen grell
schreiend, läuft zurück, geil
Laßt ihr ihn ein? Der erwürgt
meine kleine betende Schwester
im Tempel!
Erster
Mann zu den
Mädchen
Wir
sahen, wie er das Feuer heilen
FuBes durchschritt.
Zweiter
Mann
Tiere martert
er, wiehernde Stuten erdrückte
sein Schenkel.
Dritter
Mann
Vögel, die vor uns liefen,
muBten wir blenden, rote Fische
im Sande ersticken.
Der
Mann zornig,
eifernd
Wer
ist die, die wie ein Tier stolz
unter den Ihren weidet?
Erster
Mann
Sie errät, was niemand
verstand.
Zweiter
Mann
Sie spürt, was niemand vernahm.
Dritter
Mann
Man sagt, scheue Vögel
kommen zu ihr und lassen sich
greifen.
Mädchen
gleichzeitig mit den Männern
Erstes
Mädchen
Frau, laß uns fliehen! Verlöscht
die Leuchten des Führers.
Zweites
Mädchen
Herrin entweiche,
arme Singende.
Drittes
Mädchen
Er soll nicht unser Gast
sein, unsere Luft atmen. Laßt
ihn nicht einkehren,
er schreckt mich.
Männer
gehen zögernd weiter, Frauen scharen
sich ängstlich. Die Frau geht
auf den Mann zu, sprunghaft,
kriechend.
Erstes
Mädchen
Der hat keine Lust!
Erster
Mann
Die hat keine Scham! |
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Frau
Warum bannst Du mich, Mann,
mit Deinem Blick, fressendes
Licht, verwirrst meine Flamme, verzehrendes
Leben kommt über mich,
Flammenende. O nimm mir
entsetzliche Hoffnung und über
dich kommt die Qual-.
Der
Mann fährt wütend auf
Ihr
Männer brennt ihr mein Zeichen
mit heißen Eisen ins rote
Fleisch!
Männer
führen den Befehl aus. Zuerst
der Chor mit den Lichtern mit
ihr raufend,
dann der Alte mit dem Eisen,
reißt ihr das Kleid auf und
brandmarkt sie.
Frau
in
furchtbaren Schmerzen schreiend
Schlagt
die kalten zurück, die
fressenden Leichen.
Sie
springt mit einem Messer auf ihn
los und schlägt ihm eine Wunde
in die Seite. Der Mann fällt.
Männer
Flieht den Besessenen,
erschlagt den Teufel! Wehe uns
Unschuldigen, verscharrt
den Eroberer.
Der
Mann Starrkrampf
singend mit blutender,
sichtbarer Wunde.
Der
Mann
Sinnlose Begehr von Grauen
zu Grauen, unstillbares Kreisen
im Leeren. Gebären ohne Geburt,
Sonnensturz, wankender
Raum. Ende derer, die mich
priesen. Oh, Euer unbarmherziges
Wort.
Männer
Wir kennen ihn nicht,
verschont uns. Kommt, Ihr
singenden Mädchen, laßt uns
Hochzeit halten auf seinem
Notbett.
Mädchen
Er erschreckt uns, Euch
liebten wir, ehe Ihr kamt. Legen
sich mit den Männern wälzend
und paarend rechts auf den
Boden.
Drei
Männer auf der Mauer lassen mit
Stricken einen Sarg
hinunter, man legt den noch
schwach sich Bewegenden in den
Turm hinein, Weiber sperren das
Tor zu und ziehen sich mit den
Männern zurück. Der Alte steht
auf und sperrt ab, alles dunkel,
eine Fackel leise blaues Licht
oben im Käfig.
Frau
jammernd
und rächend
Er
kann nicht leben, nicht sterben,
er ist ganz weiß.
Sie
schleicht wie ein Panther im
Kreis um den Käfig. Sie kriecht
neugierig zum Turm, greift
lüstern nach dem Gitter,
schreibt ein großes weißes
Kreuz an den Turm, schreit auf.
Macht
das Tor auf, ich muß zu ihm!
Rüttelt
verzweifelt.
Männer
und Weiber, die sich ergötzen,
im Schatten, verwirrt
Wir haben den Schlüssel
verloren - - wir finden ihn - -
hast Du ihn? - sahst Du ihn
nicht - wir sind nicht schuldig
an Euch, wir kennen Euch nicht -
Gehen
wieder zurück. Hahnenschrei, es
lichtet
im Hintergrund.
Frau
langt
mit dem Arm durchs Gitter und
greift in seine Wunde, geil
böswillig keuchend, wie eine Natter.
Blasser!
Schrickst
Du? Furcht kennst Du? Schläfst
Du bloß? Wachst Du? Hörst Du
mich?
Der
Mann drinnen,
schwer atmend hebt mühsam den
Kopf, bewegt später eine Hand,
steht dann langsam auf, immer
höher singend, entrückend.
Wind
der zieht, Zeit um Zeit,
Einsamkeit, Ruhe und Hunger
verwirren mich. Vorbeikreisende
Welten, keine Luft, abendlang
wird es. |
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Frau
beginnende
Furcht
So
viel Leben fließt aus der Fuge,
so viel Kraft aus dem Tor,
bleich wie eine Leiche ist er.
Schleicht
wieder auf die Stiege hinauf,
zitternd am Körper, wieder
triumphierend und hoch
schreiend.
Der
Mann ist
langsam aufgestanden, lehnt am
Gitter, wächst langsam.
Frau
schwächer
werdend, wütend
Ein
wildes Tier zähm ich im Käfig
hier, bellt Dein Gesang vor
Hunger?
Der
Mann
Bin ich der Wirkliche, Du
die tote Verfangene? Warum wirst
Du blässer?
Hahnenschrei.
Frau
zitternd
Du,
Leichnam, beschimpfst mich.
Der
Mann kraftvoll
Sterne
und Mond, fressende Lichter,
Frau! Versehrtes
Leben, im Träumen oder Wachen
sah ich ein singendes Wesen.
Atmend entwirrt
sich mir Dunkles. Wer nährt
mich?
Frau
liegt ganz auf ihm; getrennt
durch das Gitter, auf dem sie
sich wie eine Äffin hoch in der
Luft ankrallt.
Wer
säugt mich mit Blut? Ich fraß
Dein Blut, ich verzehre Deinen
tropfenden Leib.
Frau
Ich will Dich nicht leben
lassen, Du Vampyr, frißt an
meinem Blut, Du schwächst mich,
wehe Dir, ich töte Dich - Du fesselst
mich - - Dich fing ich ein - und
Du hältst mich -laß los von
mir, Blutender, Deine Liebe
umklammert mich - - wie mit
eisernen Ketten - erdrosselt
- los - Hilfe. Ich verlor
den Schlüssel, der Dich
festhielt.
Läßt
das Gitter, wälzt sich auf der
Stiege wie ein verendendes
Tier, krampft die Schenkel
und die Muskel zusammen.
Der
Mann steht ganz, reißt das Tor
auf, berührt die sich starr
Aufbäumende, die ganz weiß
ist, mit den Fingern, Erkenntnis
des Todes, höchste Spannung,
die sich in einem langsam
abfallenden Schrei löst, sie
fällt um, entreißt im Fallen
dem aufstehenden Anführer die
Fackel, die ausgeht und alles in
einen Funkenregen hüllt. Er
steht auf der obersten Stufe,
Männer und Weiber, die
vor ihm fliehen wollen, laufen
ihm in den Weg, schreiend
Der
Teufel! Bändigt ihn, rettet
Euch, rette, wer kann -
verloren!
gerade
entgegen; wie Mücken
erschlägt er sie und geht
rot fort. Von ganz ferne
Hahnenschrei.
Quelle:
Einakter und kleine Dramen des
Expressionismus. Hg. von Horst
Denkler. Stuttgart 1980, S.
47-53. |
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